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Das Blauhaus

Gletsch war nie in erster Linie ein Kurort. Die Siedlung verdankte ihre Grösse und Ausprägung vor dem Ersten Weltkrieg der Funktion einer Transitstation für Reisende, welche die Pässe Furka und Grimsel mit der Kutsche oder zu Fuss überquerten. Das gastgewerbliche Angebot war demzufolge auf Personen ausgerichtet, die wegen der Beschwerlichkeit und Länge der passquerenden Reise einen Etappenhalt einlegen, sich verpflegen, übernachten und bei dieser Gelegenheit auch den Anblick der eindrücklichen Gletscherzunge geniessen wollten.

Die Anfänge des Blauhauses gehen auf die Mitte der 1870er Jahre zurück. Wegen der Transitstationsfunktion der Siedlung am Fusse des Rhonegletschers gab es an diesem Ort seit je eine Nachfrage nach günstiger Beherbergung zumal seitens von Reisenden - Touristen und anderen -, die zu Fuss unterwegs waren. Dieser Nachfrage zu genügen war die Hauptfunktion der Dependance.

So kann beispielsweise dem Baedeker des Jahres 1903 (Leipzig, 30. Auflage) wie auch der Ausgabe von Meyers Reisebücher des Jahres 1908 (Leipzig und Wien, 20. Auflage) entnommen werden, dass hier die Übernachtung in einem Einzelzimmer 2.50 Franken (inflationbereinigt im Jahre 2025: ca. 28 Franken) kostete.

In den 1950er Jahren wurden Individualreisenden im Blauen Haus/Blauhaus 40 Betten zu 5 Franken (inflationsbereinigt im Jahre 2025: ca. 22 Franken) angeboten, im Jahre 1974 immer noch 30 Betten ab 14 Franken (inflationsbereinigt im Jahre 2025: ca. 30 Franken).

Der deutsche Wirtschaftspionier Max Grundig, Ende der 1970er Jahre Arbeitgeber von 38 460 Angestellten, in den 1960er und 1970er Jahren Stammgast in Gletsch, zog regelmässig das hier für seinen Privatchauffeur vorgesehene Zimmer dem in der Bel Étage des Hauptgebäudes für ihn reservierten vor. (Mark Andreas Seiler: Ein Gletscher – ein Hotel – eine Familie. Horizonte einer Walliser Hoteliersdynastie, Visp 2011, S. 183).

In den 1980er Jahren zahlte man als Einzelperson für eine Übernachtung mit Frühstück 15.50 Franken. Dieses Angebot wurde gemäss Betriebsstatistik der Familie Seiler auch dann noch jede Saison mehrere hundert Male genutzt.

Im obersten Stockwerk gab es seit der Belle Époque einfache Bettlager für Schulen, Pensionate, Pfadfinder und andere Jugendgruppen, die in Gletsch nicht minder willkommen waren als Könige, Prinzen und andere Fürsten.

 

Der christlichsozial orientierte Walliser Volksfreund, in der Walliser Presselandschaft einer der Antagonisten des von der Familie Seiler lancierten (und oft als politisches und unternehmerisches Publikationsorgan genutzten) liberalkonservativen Briger Anzeigers, schrieb in seinem Nachruf auf Joseph Seiler: „...seine beispiellose Gastfreundschaft machte[] ihn bei arm und reich beliebt.“ (Ausgabe vom 28. Mai 1929, Nr. 43, S. 3).
 

Im letzten Jahr unter ihrer Ägide bot die Familie Seiler Spezialarrangements für Schulen zum Halbpensionspreis – demnach für die Übernachtung im Bettlager mit Frühstück und Abendessen – von 24 Franken an (inflationsbereinigt im Jahre 2025: ca. 39 Franken; Schweizerische Lehrerzeitung vom 7. Juni 1984, Band 129, Heft 12, S. 42).


Die bis 1984 in Gletsch erzielten Umsätze erlaubten im schuldenfreien Betrieb die Entlöhnung von mindestens acht Köchen. Die gleiche Kochbrigade, welche hier während der Sommersaison auch für die Verpflegung der Gäste des Blauen Hauses zuständig war, kochte in den 1970er und 1980er Jahren winters in der Rôtisserie des Hotels Silvretta der Familie Rocco in Klosters. Dort zählte zu ihren Stammgästen der englische Thronfolger.


Zudem diente das Gebäude dem Hotel Glacier du Rhône als Dienstboten-, Personal- und Versorgehaus (Kraftwerk, Metzgerei, Käselager, Bäckerei und Lagerräume). Für die Kutscher gab es in der Siedlung ein separates Angebot im sogenannten Maison des cochers beim südwestlichenA Ortseingang.


Die Familie Seiler erstellte in Zermatt zusammen mit der Burgerschaft 1893 eines der ersten Elektrizitätswerke des Wallis - ein Jahr nach der Gründung des ersten Elektrizitätswerks in Zürich. In Gletsch liess Joseph Seiler im Untergeschoss des Blauen Hauses kurz vor der Jahrhundertwende ein Kleinwasserkraftwerk einrichten. Herstellerin war die Theodor Bell & Cie in Kriens. Der Hotelier beleuchtete mittels Kohlebogenlampen die Hotelfassade, den Gletscherbruch und die Gemeinschaftsräume. Dieses Kraftwerk, welches bis um 1930 in Betrieb blieb, als Eduard Seiler in den ehemaligen Kutschenremisen im Südwesten der Siedlung ein grösseres Kraftwerk installieren liess, wurde vor einigen Jahren restauriert, ist betriebsfähig und kann besichtigt werden.

Text von Dr. Mark Andreas Seiler

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